BLOG: Von Freiheit und anderen Spinnereien

INTRO: aufgeteilt. angepasst. aufgegeben.

Bevor ich auf diese seltsame Überschrift eingehe, möchte ich zunächst den Blick auf Mann und Frau werfen.

Schon der dreijährige Ole versteht, dass seine Kindergartenfreundin Lea zu dieser anderen Kategorie Mensch gehört. Sie ist ein Mädchen weil sie Elsa auf dem Shirt und Spängchen in den Haaren hat und er ist ein Junge wegen dem Bagger und so. Klar.

Welche krasse Macht das eigene „Geschlecht“ haben und wie einschränkend das sein kann, haben die beiden sicherlich noch nicht auf dem Schirm. Vielleicht werden sie sich auch niemals Gedanken darüber machen. Vielleicht würden sie mir auch komplett wiedersprechen, das ist natürlich erlaubt. Ich bin zu fast jeder Diskussion bereit. Aber zurück zum Thema: worum geht es mir also bei Lea und Ole?

Prügelt sich Lea in der Bau-Ecke mit ihren Freundinnen werden sie von der fassungslosen Erzieherin auseinandergezogen und müssen sich entschuldigen, bekommen einen Einlauf, dass Mädchen sich doch nicht prügeln sollen und dann sollen sie sich mit einem schönen Ausmalbild – mit ‚Mädchenmotiven‘, versteht sich – an den Maltisch setzen. Wenn die Jungs sich keilen: ‚ach typisch Jungs, die brauchen halt die Reibung‘. Aber jetzt geht mal auseinander bevor ihr euch noch richtig weh tut. Was bewirken solche Reaktionen im Welt- und Selbstbild kleiner Kinder? Welche Schlüsse ziehen wir aus solchen Beobachtungen wenn wir bedenken, welch großen Einfluss die frühe Sozialisation auf die Charakterbildung hat?

Wenn Lea später mal in die Führungsposition eines großen Konzerns kommen möchte, wird sie immer die Frau sein, die sich im Betrieb hocharbeitet, muss sich vielleicht dumme sexistische Sprüche anhören, wird sich wahrscheinlich deutlich mehr anstrengen müssen als ihre männlichen Kollegen und wird, wenn sie es denn schafft, auf jeden Fall als „die Frau“ in der Führungsposition bewertet werden. Dann ist sie entweder „für eine Frau“ ganz gut oder wird vielleicht von vielen angehimmelt, weil sie so eine taffe sexy Geschäftsfrau ist. Moment mal, warum denn jetzt „sexy“? Und warum wird alles was sie tut immer in Bezug auf das ihr zugeordnete Geschlecht bewertet? [Standartisierte Schönheitsbilder, die es ebenfalls zu beseitigen gibt, lasse ich für den Moment jetzt mal beiseite. Lasst uns ehrlich sein: bei Lea ist dieses Szenario deutlich wahrscheinlicher als bei Ole, oder?]

Aber auch Ole wird nicht frei sein und eventuell gegen Vorurteile, Klischees und falsche Erwartungen kämpfen müssen. Zumindest gehört Ole allerdings pimmelbedingt zu der Kategorie Mensch, die seit einigen Jährchen am oberen Ende des Machtgefälles steht, er ist der, der „die Hosen an hat“, der zeigt, wo es lang geht. Jedenfalls solange er sich konform seiner Geschlechterrolle verhält. Ansonsten wird er als Waschlappen, Warmduscher und “ Mädchen“ tituliert sobald er sich zu sensibel und emotional zeigt. Je nachdem, wer ihn da bewertet, könnte aus dem „Waschlappen“ auch ganz schnell der ganz besondere Traummann werden, weil er – für einen Mann – so krass sensibel ist. Was bei Lea hingegen wohl kaum als eine nennenswerte, besondere Eigenschaft betrachtet werden würde. Ist das nicht alles total verquer und unnötig? Könnte Ole nicht auch dafür geschätzt werden, dass er ein einfühlsamer Mensch ist und Lea dafür, dass sie ihre Ziele gut verfolgen kann? Und zwar nicht in Relation zu ihren primären und sekundären Geschlechtsteilen?

Wäre Freiheit nicht viel lustiger? Und wie schwierig ist es wohl, unsere eigenen lenkenden und einschränkenden Frau-/ Mann-Filter abzulegen und zunächst mal nur Menschen zu sehen? Müssen wir uns wirklich in zwei Kategorien Mensch aufteilen?

Also nochmal ganz von vorn. Nix „Männer und Frauen“. Ich möchte über Menschen reden. Über Freiheit. Über das Sprengen von Machtverhältnissen. Über Chancengleichheit und Liebe auf Augenhöhe. Über Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit von Menschen – unabhängig ihrer Geschlechtsteile. Darüber, warum sich Stammtischwitze über „Männer und Frauen“ wie ein Virus in unsere Hirne fressen und warum mich dies so wütend macht. Lassen wir uns auf all diese Punkte ernsthaft ein, schwebt schließlich auch die Frage mit: wie „frei“ schaffen wir es überhaupt zu sein?

Part 1: Der Begriff Feminismus und Ich.

Feminismus und so… Jaja, da war doch was mit #Aufschrei #Metoo – halt #irgendwasmitEmanzipation #Weibergewäsch #unrasiert PFUI #Emanzenkacke

So in etwa erlebe ich die Haltung der Mainstream-Gesellschaft zu dieser großen Bewegung, wenn der Zuspruch auch zunimmt und das Thema Unterdrückung und Objektisierung der Frau auch endlich deutlich mehr zum Thema wird und sich in die Gesellschaftliche Mitte drückt.

Über letzteres könnte ich mich freuen, habe mich dennoch lange Zeit sehr schwer damit getan, mich eine Feministin zu nennen. Ich fand es passender, mich als anti-sexistisch zu bezeichnen, um bloß nicht mit diesem Feministinnen-Stempel rumzulaufen, den so viele Protagonist_innen mir bisher ziemlich madig gemacht hatten. Aber nur ‚Anti-Irgendwas‘ zu sein, genügt mir eben doch nicht. Mich hat aber vor allem gestört, dass das Label Feministin so klingt als wolle ich nun „die Frauen an die Macht“ bringen – als wäre mein Ziel, das bislang geltende Machtgefälle Mann-Frau einfach mal umzudrehen. Verstärkend für meine Aversion gegen den Feministinnen-Vibe wirkten außerdem z.B. die Werbereklamen in der Innenstadt, die mir erzählen wollen, wie ein „Rebel girl“ zu schauen hat und welche High-Waist-80er-pseudo-Hippie-Hose die feministischen Züge der modernen, „befreiten“ Frau am besten zur Geltung bringt. Und sie fühlt sich damit sicherlich auch so unglaublich selbstbestimmt und frei, oder? Diese Vermarktung einer Bewegung kotzt mich so dermaßen an, dass ich einfach gar nichts damit zu tun haben wollte. Es war und ist ein sehr ambivalentes Thema für mich.

Noch entscheidender als meine Ablehnung von Feminismus als Trend ist aber ein inhaltlicher Punkt: Den häufig mitschwingenden Slogans „Frauen an die Macht“ oder „the future will be female“ kann ich mich einfach nicht anschließen denn sie sind meiner Meinung nach viel zu kurz gedacht. Diese Forderungen folgen in ihrer Grundlogik doch weiterhin jenen Verhältnissen, die unser patriarchales Gesellschaftssystem bietet, nur irgendwie anders gefärbt. Sie entspringen einem Denksystem von klaren Herrschaftsverhältnissen, bei denen es immer eine Art gesellschaftlicher Chef-Etage gibt. Gewisse zufällige – und letztlich konstruierte – „Startvorraussetzungen“ entscheiden, wer später an welcher Stelle der Machtspirale zu finden sein wird. Der Ausruf „Frauen an die Macht“ gibt meinem Empfinden nach außerdem wieder vor, wie Frau und Mann zu sein haben. Frau soll sich jetzt also die „Macht“ ergreifen. Aber Moment mal: Waren nicht Macht und Unterdrückung gerade noch das zu überwindende Problem? Wo Macht ausgeübt wird, da findet in der Regel auch Unterdrückung statt. Da sind entsprechend andere Menschen unfrei. Wie wäre es aber mal mit dem irren Plan, all diese Herrschaftsverhältnisse zu sprengen und eine wahre und ehrliche Gleichberechtigung anzustreben? Das geht nicht von heute auf morgen, könnte aber doch unser Leitziel sein. Ich möchte mich auch nicht auf das „Matriarchat“ als anzustrebende Gesellschaftsform versteifen. Dazu komme ich aber noch ausführlicher.

Es verging jedenfalls einige Zeit mit viel Gehate meinerseits gegen einige Feministinnen, die meinem Empfinden nach teilweise so weit gingen, dass sie „uns“ anderen weiblichen Kämpferinnen jegliche Glaubhaftigkeit und Würde nehmen. Da war zum Beispiel eine Bewegung von Feministinnen, die gefordert hat, den röhrenden Hirsch vom Logo eines Zoos zu entfernen, weil dies zu sehr einen männlich konnotierten Ausdruck von Stärke proklamiert. Zumindest ist das meine Hypothese zum Hintergrund dieser Forderung. So etwas fand ich befremdlich, unnötig und unklug, wollen wir doch den gesellschaftlichen Diskurs anstoßen und uns nicht mit unnachvollziehbaren Forderungen direkt ins Off katapultieren. Dann waren da außerdem noch all jene, die mir versuchen weiß zu machen, dass Frauen halt einfach die besseren Menschen seien und, dass nun endlich die Ära der Frau gekommen sei, dass Frauen ab jetzt halt einfach mehr gewürdigt werden sollten als Männer weil es ja viel krasser und anerkennungswürdiger ist, wenn eine Frau jetzt auch so wichtiges Männer-Zeug macht und so.

Außerdem gab es auch einige Stimmen, die mir erzählen wollen, wie viele Frauen in der Geschichte auch schon mal was tolles gemacht haben. Und die sollen wir uns jetzt bitte als schickes Poster ins Wohnzimmer hängen – die geben halt auch noch optisch echt was her. So ne Kämper-Frau hat halt schon was heißes!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ja, wir sollten uns gerade im historischen Denken klar machen, dass nicht nur die typischen starken harten Männer alles gerissen haben sondern, dass es ebenso tolle starke, wichtige Frauen in der Geschichte gab, die bisher zu wenig thematisiert wurden. Und neben eben diesen gab es auch gutmütige, herzliche Männer wie Frauen, die mindestens so wichtig waren wie die „harten und starken Helden der Geschichte“, aber das nur ab Rande. All das sollte aufgearbeitet werden, es sollte deutlich werden, dass nicht nur Männer sondern auch Frauen historisch wichtige Persönlichkeiten waren. Wenn diese Frauen dann aber nicht als tolle wichtige Menschen betrachtet werden, sondern sich durch sie einfach ein neues Bild von weiblicher Sexyness (‚how to be a sexy rebel‘) entwickelt, nehmen wir ihnen wiederum ihre Würde und Ehre und degradieren sie schon wieder – entsprechend dieser kranken alten Logik- zu Sexobjekten. Zur schönen Wanddeko „Rebellische Frau Anno XY“. Ich erlaube mir in dieser heiklen Thematik eine weitere Nebenbemerkung, da das Ganze einfach nicht schwarz-weiß zu sehen ist sondern viele Facetten hat, die ich auch versuche, zu bedenken: Frauen und Mädchen brauchen natürlich ebenso Vorbilder, die rebellisch und stark waren, das ist sicherlich immens wichtig. Heikel wird es für mich aber wenn die „rebellische, starke Frau“ zum einen überglorifiziert wird (es sollte einfach ganz klar und selbstverständlich sein, dass es ebenso  starke und schwache und liebe und harte Frauen wie Männer gibt!) und wenn diese zum anderen dann doch wieder als Wichsvorlage dienen sollen.

Aber ich drifte mal wieder kilometerweit ab. Zu diesem Verein des „Neuen Feminismus“ wollte ich jedenfalls irgendwie nicht gehören (zum alten übrigens auch nicht). Außerdem lackiere ich mir echt gern die Fingernägel, ich koche gerne, einfach weil ich gerne koche, und ich werde mir gottverdammtnochmal auch nicht die Seiten meiner Haare einrasieren. Also bin ich doch eh raus aus dem Feminismus-Game, oder? Sorry für den Hate. Aber meine Damen und Herren, ich bin angepisst von Freiheitsbewegungen, die sich in Trends und Mode pressen lassen und dabei scheinbar oft die eigentlichen Inhalte vergessen.

Und trotzdem war ich der Feministischen Bewegung für so vieles dankbar, fand es irgendwie doof von mir, dass ich so konträr war obwohl sich doch Vieles in diesem Ansatz gut anfühlt.

Einen letzten, etwas nüchterneren Bogen möchte ich in dieser Angelegenheit noch schlagen.

Laut Duden ist Feminismus eine „Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt“. Und schon wieder geht die Augenbraue hoch. Es ist erstmal logisch, dass Feminismus von den „Bedürfnissen der Frau ausgeht“ – einfach weil sie ja die Unterdrückte ist und sich dagegen wehrt. So weit so nachvollziehbar.
Dennoch muss ich weiterhin sagen: ich will nicht im reinen ‚Frauenclub‘ kämpfen.
Es war wohl nötig, dass Frauen sich zusammentun, Widerstand leisten und für ihre Grundrechte kämpfen. Nun sollten wir meiner Meinung nach aber endlich einen Schritt weiter gehen und eben alle Geschlechter mit einbeziehen. Die Befreiung der Frau ist nur ein Teil des Ganzen, meine Utopie wäre, alle Geschlechter ‚freier‘ zu machen und dann sollte das Ganze eben nicht FEMInismus heißen. Außerdem stört mich der darin mitschwingende Dualismus. Mann und Frau. Schwarz und weiß. Hart und weich. Was ist mit all den Abstufungen dazwischen, die den Menschen erst so richtig spannend machen?
Das ist der Grund, warum Anarchismus, also ganz einfach gesagt, die Freiheit von Herrschaft, der einzige für mich anzustrebende Zustand ist. Leider werde ich mit diesem Label noch schneller als Spinnerin abgehakt und die meisten verstehen Anarchie als Synonym für Chaos, als etwas absolut zu vermeidendes, als Sodom und Gomorra. Das ist schlichtweg falsch. Dazu aber noch ausführlicher.

Frau, komm zum Punkt: Was hat dich dann schließlich doch dazu gebracht, dich doch Feministin zu nennen? Offensichtlich hast du dich ja doch dazu entschieden.

Nun, ich habe beschlossen, mir dieses Label nicht ganz nehmen zu lassen weil es rational betrachtet nun mal der Begriff für weibliche Emanzipation und das Ablösen von verrosteten patriarchalen Strukturen ist. Worte sind für verständliche Kommunikation da und wenn ich Feminismus sage, ist eher klar, was ich meine. Meine große Überschrift lautet aber eben Anarchie. Feminismus sehe ich inzwischen als eine Art Subthema, das ganz gut unter diese Überschrift passt. Wie ich meinen Feminismus schließlich auslebe, ist dann meine Entscheidung.

Mittlerweile gelingt es mir, „uns Feminist*innen“ als heterogenen, losen Zusammenschluss zu empfinden, der, um authentisch und lebendig sein zu können auch möglichst heterogen sein sollte! Ich hatte einen Denkfehler begangen. Feministinnen können und sollen doch nicht alle gleich sein. Ich will gerne in diesem „Verein“ mitmischen, und zwar mit meinem ganz eigenen Feminismus. Auf dieser Grundlage möchte ich mich auch gerne auf kritische Auseinandersetzungen mit anderen Feminist*innen einlassen. Ein paar wirklich gute Grundbausteine gibt es ja schon.

Außerdem muss ich doch auch zugeben: wenn (oberflächlicher) Feminismus zum Trend wird, fühlt es sich zwar für mich nach Fake und Pop an, dennoch gibt es vielleicht für junge Mädchen dadurch ein paar mehr Vorbilder in Sachen individuellem Ausleben von Geschlechteridentität, vielleicht wird auch auf dem Pausenhof einmal mehr über Unterdrückung von Mädchen und Frauen gesprochen als in den Jahren zuvor. Wenn das so ist, dann gab es auf jeden Fall schon schlimmere Trends.

Auch ich bin ja längst nicht am Ende meiner Gedanken und empfinde mich bestenfalls als „auf einem guten Weg“ zum freieren Umgang mit mir selbst und Mann-Frau-Geflechten, ich übe das mit Nachdruck und muss auch ab und an innehalten und nochmal auf den Kompass schauen.

Stirnfalten: Ich habe teils so verworrene und sich gegenseitig prügelnde Gedanken zum Thema Sexismus und Freiheit, dass die Gedankenstränge sich beim Versuch, diese nun auf den Punkt zu bringen, teilweise heftig verknoten. Ich weiß, ich neige zu Schachtelsätzen und zu nervigen Anmerkungs-Anmerkungen weil mir ein einfaches „das ist so und nicht anders“ bei dieser Thematik einfach vermessen scheint. Gut, ich könnte sagen: Lass ma frei sein, digga. Ich fürchte nur, das reicht nicht. Dieser Text ist ein Versuch, all meine kleinen und großen cerebralen Implosionen mal auszuspucken und zu sehen, was dabei raus kommt.

Daher nun folgendes Vorwort für die kommende Passage: ich schmettere hier einzelne Gedanken, Vorurteile und typische Sätze aufs Brett und werde diese jeweils kurz für mich durchkauen. Dabei habe ich keineswegs den Anspruch, eine allumfassende Abhandlung zum Thema Sexismus auf die Beine zu stellen. Es ist schlichtweg ein gedanklicher Erguss zu Themen, die ich für wichtig halte – vielleicht können wir uns ja gegenseitig ergänzen. Ja. Ich weiß, ich habe Erguss gesagt…

Sätze zersetzen.

Hier einige Phrasen, einige Grundannahmen, einige „Standards“, die ich gerne mal auf meine Weise zersetzen möchte.

Einer Frau hinterher zu Pfeifen ist kein Kompliment sondern heißt wohl eher so viel wie „gute Ware!“. Und wer jetzt kontert: ‚komm schon, ihr Frauen findet das doch toll, tu doch nicht so!‘ dem kann ich nur entgegnen: Frauen wachsen ebenso in der rosa-hellblau-Falle auf wie Männer. Wenn ein junges Mädchen durch Vorbilder im Umfeld und in Filmen, Sozialen Netzwerken usw. vorgelebt bekommt, ein Mädchen soll vor allem hübsch und süß sein, dann wird eventuell die Frau, die daraus wächst, ein Pfeifen auf der Straße als Lohn für gelungenes Frau-Sein empfinden.

Ich würde ja gerne rufen: Frauen aller Länder, vereinigt euch! Aber das geht wohl nicht so einfach. Wir alle wurden in einer sexistischen Gesellschaft sozialisiert und tragen entsprechende sexistische Denkmuster in uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Die einen fühlen sich wohl damit, die anderen kämpfen mühsam damit, sie abzulegen. Jah, ich spreche gerade von allen Geschlechtern.

Trotzdem: Lasst es doch einfach!

Ein typischer Satz, teils kommt er mit bemühter und ehrlicher Absicht, teils schlicht abwertend und arrogant:  

Man darf ja gar nichts mehr sagen oder denken. Alles so kompliziert. Verkrampft. Darf ich jetzt nicht mal mehr ne Frau sexy finden?
Folgende sehr ernst gemeinte Info für dich: Ja, du darfst eine Frau attraktiv finden ohne, dass du dafür von mir und meiner Sexismus-Keule verprügelt wirst. Du solltest Sexyness nur nicht als Hauptaufgabe der Frau empfinden. Es gibt einige eklatante Unterschiede zwischen Lust auf Sex und Sexismus. Wenn ich dir ein Geheimnis verraten darf: auch Frauen finden ab und an einen anderen Menschen einfach nur heiß und haben tatsächlich gar keinen Bock auf intellektuellen Austausch mit ihm sondern schlichtweg Bock auf Sex. Wenn beide Seiten gerade gleich drauf sind, ist wilder Sex – ganz ohne Handynummern-Tausch, Kaffee am Morgen danach und den ganzen Kram auch vollkommen in Ordnung.
Nur wie lange kann noch von „Lust“ auf Sex die Rede sein und ab wann greift der Mechanismus, Frau zum reinen Lustobjekt zu degradieren (weil sie Frau ist)?

Um zu überprüfen, wo die Grenze zwischen Attraktion durch einen Menschen und dessen Abwertung liegt, stell dir einfach folgende Frage: ist mein Verhalten und sind meine Gedanken noch mit der Würde des Menschen zu vereinbaren? Wäre es seltsam, wenn ein Mann so behandelt werden würde? Und last but not least: Will sie das gerade auch?
Ein paar spontane Punkte zur Überprüfung:

1) Einer Frau ungefragt zwischen die Beine greifen: Nix Würde. Nix Einverständnis. Arschloch!
2) Flirten solange es auf Gegenseitigkeit beruht: voll ok.
3) Penetrantes Angaffen und Katzengeräusche machen: Findest du das irgendwie würdevoll? Nein? Dann lass es! – „Aber viele Frauen empfinden das als Kompl..“ – LASS ES EINFACH! – „Aber wenn sie es doch mag?“ – ALTER. Sie ist ein Mensch und kein haariger Vierbeiner. Wenn du Catcalling betreibst, wäre mir irgendwie danach, mit ‚UgaUga“ Orang-Utan-Gejaule zu antworten, um deine momentane Position in der Evolution zu verdeutlichen. LASS ES EINFACH. Oder geh in den Zoo.

…Frage soweit beantwortet?

Dass unsere Gesellschaft so krass auf Sexyness und (Pseudo-)Schönheit aus ist, ist ein anderes Thema und würde den Rahmen hier momentan noch sprengen. Aber: Sex kann ziemlich großartig sein solange alle Parteien Lust darauf haben und sich gut damit fühlen. Wenn dies mal klarer Konsens würde, wär ich vorerst schon ziemlich zufrieden.

„Das beobachtet man doch schon in der Grundschule – Mädchen und Jungs sind eben unterschiedlich“…
Hier komme ich nicht umhin, ein paar Grundsätze zur gesellschaftlichen Rosa-Hellblau-Falle zumindest kurz zu skizzieren.
Vom Strampler für Babies über die zwei Varianten des hohlen Schoko-Überraschungseis bis hin zur Spielwarenabteilung in allen bekannten Großgeschäften ist alles U-12 ziemlich klar unterteilt in rosa-glitzer-plüschig (Einhorn, Prinzessin, Babypuppe) und hellblau-grün-schwarz (Raufbold, Ritter, Pirat). Was wird den Kindern damit vermittelt?
Dass sie einem bestimmten Geschlecht angehören und, dass das wohl auch so bleibt, lernen Kinder um das vierte Lebensjahr herum. Alles dualistisch, schwarz-weiß, einengend. In der Welt, die sie gerade kennenlernen, im Konsum aber auch im Verhalten der Erwachsenen, gibt es meist die Variante rosa oder hellblau. So sollst du sein weil du ein Mädchen bist. Ein Junge hält mehr aus. Ein Mädchen ist sensibel und ängstlich. Die Jungs, die sich im Kindergarten in der Ecke raufen, werden ganz anders bewertet als wenn Mädchen sich auf einmal prügeln („Ach, die Jungs, das brauchen die halt!“ vs. „Kimberly, du machst dich ganz dreckig, das gehört sich nicht!“).
Aber auch schon im Schwangerschaftsbauch, spätestens  sofort nach der Geburt wird ein Junge anders behandelt als ein Mädchen. Die Mutter hat einem Jungen gegenüber ein anderes Gefühl, andere Erwartungen auf ihr Leben als Mädchen- oder Jungen-Mama, bereitet sich schon ganz anders auf den familiären Zuwachs vor. Und unter diesen Bedingungen sollen Mädchen und Jungen die gleichen Grundvoraussetzungen haben und sich gleich entfalten können?

Klar, bestimmte Dinge haben sich aufgeweicht, es gibt eine Bewegung oder zumindest eine Sparte, die da in eine freiere Richtung geht, wer mir aber erzählen will, es gäbe da keine starken Einschränkungen mehr, kein gezieltes Lenken und Einordnen in Geschlechterstereotype, hat sich fette Stahlkappen an seine Scheuklappen gestrickt.

Ganz nebenbei, falls es tatsächlich nötig sein sollte, das hier zu erläutern: Ich habe natürlich nichts gegen rosa, nichts gegen hellblau, das sind Farben, verfluchtnochmal. Ich habe nur ein Problem damit, unseren Kindern schon so früh so viel Freiheit zu nehmen. Wenn mein Kind später einfach gerne rosa Schuhe tragen will weil das eine so schöne Farbe ist, dann freue ich mich. Egal, ob sie Emilia oder Horst heißt.

„Feministinnen sind doch nur Männerhasserinnen“.
Solche mag es geben. Das ist aber nicht im Begriff impliziert. Und selbst wenn einige Feministinnen Aversionen gegen typisch stereotypisch männliches Verhalten oder Auftreten haben sollten, dann hat das vermutlich zunächst sehr nachvollziehbare Gründe. Teilweise resultiert solcher Männerhass vielleicht aus Gewalterfahrungen oder aber aus etwas unreflektierter Gegenwehr und Vorurteilen gegenüber Männern. Vielleicht ist es Wut aufgrund von Ungleichbehandlung. Vielleicht ist das gerechtfertigt, vielleicht ist es aber ein Schuss in die falsche Richtung. So oder so. Eine wütende oder aggressive Reaktion auf ein Gefühl der Unterdrückung, der Ungleichbehandlung, der Ohnmacht oder des Machtmissbrauchs ist zunächst einmal absolut menschlich und natürlich. Stichwort Alltagssexismus, Stichwort häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Femizid. Da gibt es schon ein paar Argumente für spontane Wut, oder?

Ich persönlich kann außerdem sagen, dass es als kritisch denkende Frau durchaus zeitweise viel Energie brauchte, eben nicht in die Ecke der „Männerhasserinnen“ zu rutschen. Dafür musste ich als Teenie jahrelang angestrengt und verbissen durch diesen Sumpf aus „er ist auch nur ein Mann“ – Sprüchen waten. Als diese Sprüche, die Männer darstellen wie willen- und hirnlose Ritter ihrer Spermien. Dieses Gerede  könnte unser Denken durchaus in die Richtung lenken, dass Männer zur blöderen Kategorie Mensch gehören weil sie ‚eben so sind‘. Das wäre ein großer Fehler. Wir sollten herrschenden Sexismus als solchen erkennen, ebenso wie ein herrschendes Machtgefälle und eine Gesellschaft, die Jungs zu Rabauken und Mädchen zu Prinzessinnen dressiert.

Lasst uns doch zumindest das Experiment einer anders strukturierten Gesellschaft wagen. Einer Gesellschaft, die allen Kindern die Freiheit gibt sich eine Identität zu erarbeiten, die frei von ‚rosa vs. hellblau-Zwängen‘ ist. Und lass uns dann nochmal überprüfen, ob Mann wirklich per se der unterdrückende, schwanzgesteuerte Einzeller ist, zu dem er so oft gemacht wird. Lass uns vorab lieber mal darüber nachdenken, ob der durchschnittliche Mann nicht eben solches Verhalten von klein auf eingetrichtert bekommt und sich spontan eben so verhält wie es von ihm erwartet wird (siehe Lea und Ole).

Bei dem Feminismus, von dem ich spreche, geht es aber eben nicht um die Abwertung des anderen Geschlechts sondern um Gleichstellung und um das Auflösen von Machtstrukturen.

Wenn es keine Menschen gibt, die den Job des Henkers übernehmen, würde es die Todesstrafe nicht mehr geben. Klar. Aber wie zielführend ist es denn, nur den Henker zu hassen. Hate the game. Und dann: be the change!

Es gibt viele Menschen, die tolle Dinge tun. Manche davon haben Pimmel. Manche Pimmel-Habende fühlen sich aber auch als die „Herren“ der Welt und rechtfertigen mit ihrer selbsternannten Herrschaft sämtliche Respektlosigkeit und Gewalt. Wenn wir alle, mit und ohne Pimmel aber mit einem gewissen Maß an Kritikfähigkeit und Selbstreflexion, gemeinsam daran arbeiten würden, diese verstaubten Macht- und Herrschaftsstrukturen zu beseitigen, so könnten wir doch ein großes Stück freier werden und herrschende Verhältnisse umkrempeln. Dann müssten wir übrigens auch nicht mehr über „männerhassende Feministinnen“ diskutieren. Deal?

„Schätzchen“ / „Ach Mäuschen“ in einer Diskussion zu verwenden fühlt sich in der Regel nicht nach Sympathiebekundung an! „Ach Schätzchen“ ist abwertend. Zumindest auf jeden Fall ‚ sich selbst aufwertend‘. Und jetzt frag dich mal, wie oft sowas in Diskussionen gegen Männer verwendet wird. Und, um den Test zu machen, stellen wir es uns doch anders herum vor. Der Chef des Unternehmens zu seinem Angestellten, Herr Mayer: „Ach Schätzchen, das schaffen Sie schon!“ Solche Situationen gibt es wohl einigermaßen selten. Wie oft muss Frau sich in ernsthaften Situationen verniedlichende Ausdrücke anhören, die ihr jede Ernsthaftigkeit absprechen? Ich. hasse. es.
Wenn Frauen solche Sätze gegen Männer verwenden, so ist das meinen Beobachtungen nach häufig ein Ausdruck der Gegenbemächtigung der Frau in patriarchaler, sexistischer Logik. Ähnlich wie wenn junge Mädels früher Savas ‚Lutsch mein Schwanz mitrappten um sich von der typisch weiblich konnotierten Opferrolle abzuheben. So nach dem Motto „geht mich nichts an, ich bin eine coole Frau – Kumpel von allen – und stell mich halt nicht so an“ aber eigentlich ist ihr Würde-Empfinden in dem Moment im Keller.. Überschneidungen dieser fiktiven Vorstellungen zur Autorin dieses Textes im Alter von etwa 16 Jahren sind natürlich vollkommen zufällig und unbeabsichtigt.
Was soll ich sagen: I have walked 500 miles and I will walk 500 more.

„Der moderne Mann hilft seiner Frau auch mal in der Küche“.
Stop. Das ist ein gemeinsamer Haushalt. Wieso nennt ihr das helfen? Ich will sicherlich niemand erklären, wie er / sie den Haushalt organisieren soll aber bitte bedenkt in der gemeinsamen Organisation dieser Arbeiten, dass es leider weiterhin die Frauen sind, die statistisch gesehen den Großteil an unbezahlter care-Arbeit übernehmen. Das gilt tatsächlich auch noch in den Familien oder Paarkonstellationen, in denen beide in Vollzeit arbeiten. Wie kann das sein? Wenn ihr euch also zu den emanzipierten, modernen Paaren zählt, überprüft doch einfach hin und wieder, wo in eurem Alltag doch noch Anteile einer veralteten Rollenverteilung wirken.

Wenn du eine Frau bewertest / kommentierst, frage dich wenigstens einen Moment lang, ob du das bei einem Mann genauso tun würdest.
Wenn du feststellst, dass nein, kann das verschiedene Gründe haben:
– Nein weil sich das bei einem Mann komisch anfühlen würde, ihn so zu bewerten, beschreiben? (wie z.B. „der ist doch untervögelt, der hat nen Vaterkomplex, der ist für nen Mann ziemlich mutig“) hmmm… Denkprozess?! Merkste selbst…
– Nein weil Frau bestimmte Privilegien nicht genießt oder weil Mann und Frau in unterschiedliche Rollen gedrückt werden und es sich deswegen komisch anfühlt..?
Hallo zurück lieber Denkprozess. Spinne die Gedanken doch mal ein bisschen weiter. Warum ist das so?
– Nein weil Frauen einfach „anders gestrickt“ sind? Dann denk mal drüber nach, wer da vielleicht Stereotype gestrickt hat und zu wessen Vorteil.

Wie bewertest du eine Skateboarderin / Fußballspielerin / eine Politikerin?
– „Süß!“? „Sexy!“? Oder auch „Wow, die ist was Besonderes!“?
Du könntest dich aber auch nen Moment drüber freuen, dass so etwas heute möglicher ist als vor 100 Jahren und dann Teil der Lösung sein indem du den Anfang darin machst, das als normal zu betrachten und diese Frauen nicht besonders herauszuheben. Nein, es ist nichts besonderes wenn Frau gut Fußball spielt oder mutig ist. Liebe Linke: Wenn wir uns vorgenommen haben, keine Helden zu brauchen, dann brauchen wir auch keine Heldinnen! Wenn Frauen tolle Dinge getan haben, dann sollen sie einfach genau so viel Aufmerksamkeit bekommen wie wenn Männer tolle Dinge getan haben. Nicht mehr. Nicht weniger.
Für mich fühlt es sich quasi beleidigend an, wenn Frau für die gleichen Leistungen jetzt auf einmal gleich heroisiert, bejubelt und übertrieben angehimmelt wird. Als wäre es etwas besonderes wenn Frau gute Leistung zeigt. Wenn Frau Wissenschaftlerin ist oder beispielsweise Skaterin, Rapperin, KFZ-Meisterin. NEIN Mann, das ist es nicht!!! Es ist selbstverständlich und Frauen grundsätzlich mehr zu bewundern als Männer ist für quasi Positiv-Sexismus. Lasst uns doch endlich einfach alle gleich sein. Das kann doch nicht so schwer sein!!?

Wenn das auch vordergründig weniger diskriminierend wirkt wie eine Frau auf ihre Brüste zu beschränken und sie sich in die Küche zu wünschen: es kotzt mich an.

Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grade hilfreich, Frauen in „frauenuntypischen“ Positionen auch in der Öffentlichkeit zu sehen damit es eben normal wird. Natürlich sollte mal aufgearbeitet werden, wie viele ‚typisch männliche‘ Tätigkeiten (vom Techniker bis zum Politiker) eben nicht von seinem Genital ausgeübt werden und somit genau so gut auch von einer Frau getätigt werden kann. Klar. Und bitte, es braucht auch weibliche Vorbilder in allen Positionen, alleine um den Mädchen und Jungen die Gleichwertigkeit zu verdeutlichen und entsprechende Vorbilder zu bieten. Aber weder die Verteufelung noch die Glorifizierung der Frau ist Teil der Lösung.

Eine Frau in einer Führungsposition ist nicht unbedingt eine knallharte Geschäftsfrau und kontra Familie sondern erstmal einfach eine Frau in einer Führungsposition. So what?!? Und ja, es kann schon sein, dass sie mega abgehärtet ist. Warum wohl?!

Wenn eine Frau sagt, dass es für sie ok ist wenn du sie sexistisch behandelst ist dein Verhalten nicht weniger sexistisch. Eine solches Verhalten von Frauen macht mich häufig wütend bis sprachlos. Leider kann ich dennoch häufig nachvollziehen woher das kommt. Warum? Weil es in der Regel zunächst mal leichter ist, sich zugeschriebenen Rollen zu ergeben als zu riskieren, anders zu sein und dadurch vielleicht weniger gemocht zu werden. Gerade im Kindesalter, wo sich die erste Grundhaltung zu Geschlechter-Rollenbildern entwickelt, geht es doch primär darum, gemocht und akzeptiert zu werden (siehe Lea und Ole). Dann übernehme ich die Verhaltensweisen, die als akzeptiert und typisch gelten und 20 Jahre später komme ich mir nicht einmal mehr komisch dabei vor, dass ich für das Anbringen eines Bilderrahmens meinen Herbert frage und beim Stammtisch freundlich-angepasst über seine Frauenwitze lache.

Und nein, liebe FeminismusOnlineShops, H&M und Co. The future is not female. The future shall be equal. Und ich bin noch nicht ganz sicher, ob eure kecken feminist- Shirts mit Rosen auf Brusthöhe wohl einen bedeutenden Beitrag in diese Richtung leisten werden. Finden wir es raus. Ironie off.  

Nein. Ich bin noch lange nicht fertig.

Giulia.

See also...